EINSPRUCH!
Eine Kunstausstellung von Lisa Grimm, Tim Pickartz, Miriam Schröder und Florian Schwarz.
16. April 2013 bis 17. Juli 2013

Vier Künstlerinnen und Künstler, die ihr Studium gemeinsam in Paderborn absolviert haben, erheben in den Räumen des Land- und Amtsgerichtes Paderborn EINSPRUCH: Die ausgestellten Arbeiten beziehen sich inhaltlich, ästhetisch oder in ihrer Präsentation auf die Funktionen und die Räumlichkeiten des Gerichts mit seiner besonderen Architektur der 50er Jahre, wodurch der Standort selbst zum Teil, möglicherweise sogar zum Exponat, der Ausstellung wird, bei dem immer neue Facetten betrachtet werden können.
Lisa Grimm konfrontiert die Architektur des Gebäudes mit ihren Softforms, kleinen Stoffgebilden, die sich vielen Orten anpassen können und diese zur gleichen Zeit verändern, aufweichen. Auf der großen Wendeltreppe begegnen Besucherinnen und Besucher diesen weichen Formen auf Augenhöhe und werden von diesen durch das Gericht begleitet.
Tim Pickartz verknüpft verschiedene künstlerische Ausdrucksformen zu assoziativen Erzählungen, deren Ausgangspunkte das große Justitia-Relief im ersten Stock des Gebäudes oder die Musterung der Fensterfront sind. Diesen Ortsbegebenheiten werden dadurch neue Bedeutungsebenen zugeschrieben, die auch nach Beendigung der Ausstellung verweilen.
Miriam Schröder untersucht in ihren Arbeiten Aspekte von Gleichheit und Unterschiedlichkeit und stellt mit ihren fragmentarischen Materialgefügen in Frage, ob die Einzelform in der Masse verloren geht. Die Tonschichten ihrer Arbeit Leaves erinnern möglicherweise an Aktenstapel, zeugen aber durch die handwerkliche Herstellung jeweils von einer eigenen fragilen Identität.
Florian Schwarz eröffnet mit seinen fotografischen Arbeiten einen Dialog mit einem Ort, der mit einer Nostalgie der kindlichen Unschuld dem Gericht scheinbar diametral gegenübersteht: dem Spielplatz. Durch die Präsentationsform wird ein vergleichender Blick, sowohl auf die ästhetischen Strukturen beider Architekturen, als auch auf eigene Bilder der Betrachtenden und das Medium der Fotografie, eröffnet.
Die Vernissage findet am 16. April 2013, 18:00 im Land- und Amtsgericht Paderborn, Am Bogen 2 – 4, 33098 Paderborn statt. Nach der Begrüßung durch den Präsidenten des Landgerichts Herrn Klemens Thiemann sprechen Prof. Dr. Dorothee M. Meister und Prof. Dr. Volker Peckhaus. In die Ausstellung einführen wird Prof. Dr. Sabiene Autsch.
Unheimlich & Faszinierend
im sprengel museum hannover habe ich im august 2012 zwei kunstwerke erfahren, die mich sehr beeindruckt, beängstigt und fasziniert haben. es handelt sich um werke von james turrell.
//1 Schwärze
durch einen schmalen, schwarzen gang mit handlauf wird man als betrachter in das werk, in den raum hineingeführt. der gang ist verwinkelt und nach kurzer zeit ist nichts mehr zu erkennen - absolut nichts. am ende des ganges stößt man auf eine balustrade, rechts und links steht jeweils ein stuhl. der raum ist schwarz und es ist nicht im geringsten zu erahnen, wie groß dieser raum sein könnte. noch nie habe ich mich in so einer dunkelheit befunden, in der gar nichts mehr ist.
nichts mehr ist? und wo bin ich?
die erfahrung von nichts (?) oder absulutem schwarz war in erster linie erschreckend und beängstigend bevor es in zweiter linie faszinierend war.

//2 Was ist Farbe?
auch in das zweite kunstwerk wurde man als betrachter durch einen kurzen schwarzen gang hineingeführt, bevor man einen raum betrat, der von zwei matten lampen an den beiden seitenwänden am ende des Raumes erleuchtet wurde. in der mitte war eine farbfläche (rosa) zu sehen. farbe auf der wand? farbe auf leinwand?
erst bei verringerung der distanz zur farbfläche und bei intensivem sehen zeigte sich, dass die farbFLÄCHE ein ganzer farbRAUM war, der durch sehr diffuses licht rosa erleuchtet war und außerdem so nebelig erschien, dass man die hinteren raumecken nur erahnen konnte.
Rhythmus im Raum

Leicht verwirtt und verwundert begibt sich der dOCUMENTA (13)-Besucher in den 3. Stock des C&A-Kaufhauses. Vorbei an T-Shirts und Pullovern für Jungen und Mädchen gelangt er in einen kargen, fast leerstehenden und riesigen Raum, in dem Rhythmen zu hören sind.

Im Raum umherschreiten, wandeln, taumeln, laufen, schleichen. Es tickt, es wumst und die Körperbewegungen passen sich der Klang-Umgebung an: Klangkörper?!
Bücher = Wissen? / = Material!
Im digitalen Zeitalter werden Wissenträger wie Bücher unzugänglich und unlesbar gemacht. Sie werden als rohes Material für Kunstwerke wie die von Paul Chan, Matias Faldbakken, Emily Jacir und Michael Rakowitz behandelt und genutzt, benutzt. Diese Kunstwerke sind derzeit auf der dOCUMENTA (13) zu sehen.
Diese Arbeiten stellen die Frage nach der Zugänglichkeit und Relevanz von Wissen, Wissenssystemen, Informationen und der Praxis des Archivierens. Was wollen wir wissen? Was glauben wir zu wissen? Was ist wichtig zu wissen? Was behalten wir? Was geben wir weiter?
Warum wird aus künstlerischer Sicht nun auf der einen Seite Wissen unbeachtet vernichtet (Chan, Volumes - inncompleteset (2012)): "Nie las ich die Bücher, die ich zerriss.") und auf der anderen Seite Besitzanspruch auf Wissen und Wissenswertes erhoben (Jacir, Ex Libris (2012)): "Dieses Buch gehört seinem Besitzer Fathallah Saad. Er kaufte es mit seinem eigenen Geld. Gaza, März 1892.")
Einerseits Bücher des Inhalts berauben und andererseits Bücher dem Besitzer rauben: Raub, Begierde, Besitz, Macht: Bücher.
Warum wird Wissen bewahrt und transformiert und stellt den Anspruch auf ein Errettet werden (Michael Rakowitz) und warum wird es in seiner Systemhaftigkeit und im enzyklopädischem Anspruch in Frage gestellt (Matias Faldbakken)?
Und: "Was gibt es sonst noch zu wissen? Warum alles zu Ende geht, nehme ich an. Aber warum das Warum?" (Paul Chan, 2012)
Das Kunstwerk essen

Das Werk "Ausschnitt" (2012) von Sonja Alhäuser ist derzeit in der Kunsthalle zu Kiel in der Ausstellung "Von Sinnen. Wahrnehmung in der zeitgenössischen Kunst" zu sehen (14.7.12-21.10.12).
Es besteht aus Schokolade, Marzipan, Popcorn, Nüssen, Zuckerguss und Lebensmittelfarbspray. Lediglich der Hinweis "Der Verzehr erfolgt auf eigene Gefahr" lässt die Intention des Werkes deutlich werden: Bitte aufessen und möglichst bis Mitte Oktober nichts mehr übrig lassen.

Das hört sich einfach an, kann aber auch schwierig sein... Zum einen scheint es mehrere Hemmschwellen zu geben, die es nicht einfach machen, das Werk zu verspeisen. Auf der einen Seite besteht das Werk auch aus einer Bodenplatte, die aus Schokolade gefertigt ist, und nicht (!) betreten werden darf. Somit wird das Werk meist erst umrundet und ist in der Mitte schier unzugänglich. Essen erwünscht, aber bei Betreten der schokoladigen Bodenplatte ertönt manchmal eine Stimme aus dem Off: Betreten verboten! Man ist ertappt und wird gemaßregelt.

Auf der anderen Seite scheint es innere Grenzen zu geben, welche dafür verantwortlich sind, dass man sich bei der Zerstörung des Werkes schuldig fühlen könnte.
Nach der Umrundung des Werkes, der Verwunderung über den Aufforderungscharakter und der Inspizierung der unterschiedlichen Materialien erfolgt ein vorsichtiges und zaghaftes Abkratzen und Abbrechen von kleinen Schokoladenteilen. Schnell wird deutlich, dass sich das Material in gewisser Weise versperrt, die Schokolade ist auf der einen Seite meist nicht fest genug zum Abbrechen, auf der anderen Seite zu fest und massiv, dass es schwer fällt, aus den Schokoladensockeln etwas herauszulösen. Bevor probiert wird, wird die Skepsis durch das Riechen am Material reduziert.


Interessant ist auch, dass die skulpturale Installation in ihrer partizipatorischen Ausrichtung Beobachter und Akteure schaffe und außerdem zu unterschiedlichen Körperhaltungen auffordert: man muss sich bücken, hocken, beugen, um das Werk zu erkunden und zu probieren.

Offentsichtlich erscheint auch die Gefahr, die von dem Werk auszugehen scheint, denn die wird explizit erwähnt (s.o.). Selbstverantwortlich kann man sich für oder gegen die Partizipation entscheiden, sich das Kunstwerk einverleiben, oder sich ihm verweigern. Die Gefahr, der man sich anscheinend beim Verspeisen des Werkes aussetzt, schließt auch eine Reinigung mit ein. Nach der Kostprobe, dem Schmaus oder dem Verzehr stehen Reinigungstücher bereit: Man hat sich nicht nur einer Gefahr ausgesetzt, sondern sich auch "die Hände schmutzig gemacht".


In Kiel "Von Sinnen" / 01
Seit dem 14.07.2012 und bis zum 21.10.2012 ist in der Kunsthalle zu Kiel die Ausstellung "Von Sinnen. Wahrnehmung in der zeitgenössischen Kunst" zu sehen.
Ich habe die Ausstellung im Juli besucht.

Bei der Arbeit "24hrs in photos" von Erik Kessels (s.o.) bekam ich ein Gespräch mit, in dem Sätze fielen wie: "Und jetzt soll man über die Fotos gehen - Das Kunstwerk mit Füßen treten? Und das soll Kunst sein? Das ist ja eine Verschwendung von Ressourcen!" Erstaunlich, dieser von Hemmschwellen, Verwunderung, Entrüstung und Verweigerung geprägte Widerwillen gegen ein Kunstwerk, auf das man sich formal und inhaltich nicht einzulassen bereit ist.
Vielleicht könnten Materialität (und Immaterielles), Subjektives und Kollektives, Zugänglichkeit, Verfügbarkeit und Austauschbarkeit Stichworte sein, um sich dem Werk zu nähern...

Auch bei dem Werk von Eugenio Merino "The Smell of Art" haben Museumsbesucher lange verweilt und sich an der verstörend anmutenden "Echtheit" der menschlichen Nachbildung erfreut und eben diese bestaunt. Noch verstörender jedoch ist das, was die menschliche Gestalt in den Händen hält: eine Dose "Artist's Shit". Es scheint, als würde die Figur an eben diesem Doseninhalt riechen und diesen Geruch mit geschlossenen Augen genießen. Durch die knieende Haltung allerdings ist ein eine Geste des Empfangens und des Gebens in einem. Man könnte meinen, dass die Besucher, die vor der Figur verweilen, diese Dose angeboten bekommen. Gleichzeitig scheint es, als hätte die Figur die Dose erst eben dankbar erhalten.
Ich habe die Ausstellung im Juli besucht.

Etwas erhalten kann man auch in der Installation "Snow_Show" von Vadim Vishkin (s.o.). Eigentlich bekommt man hier sogar etwas geschenkt: "This is for you" tönt aus den Boxen, sobald man in der Mitte des Raumes auf dem Pult den roten Knopf gedrückt und seinen Namen gesagt hat. Dann erklingt instrumentale Musik, Licht und von oben rieseln ein Styropor-Schnee-Regen hernieder.
Dass das "you" ein Kollektiv meint und trotzdem an das Subjekt adressiert ist, welches vom vermeintlichen Beobachter zum Akteur wird, verweist auf das Spiel zwischen Zuschauern und Subjekt in der Mitte, denn auch für die Zuschauer, ist dieses Spektakel.

Besonders inspirierend und interessant waren die Arbeiten von Heribert Friedl "Forest" (oben links) und "Wendekreis" von Via Lewandowsky (oben rechts). Scheinbar ist in beiden Räumen erstmal nichts zu sehen. Die Wahrnehmung des Werkes im Raum von H. Friedl ist nicht auf das Visuelle ausgerichtet, sondern erschließt sich olfaktorisch: Lieblich-süßlicher Duft erfüllt den ganzen Raum und durch das Reiben an den Wänden, kann der Duft noch intensiver wahrgenommen werden. Durch den Werktitel wird dem Betrachter allerdings einige vorweggenommen und durch den Wunsch eines Erkennes werden letztendlich auch die baumähnlichen Silhouetten an den Wänden sichtbar.
Das Werk von V. Lewandowsky entzieht dich dem Visuellen vollständig. Hier wird der White Cube zu einem Geräusch-Raum, im dem von einem sich drehenden Lautsprecher die Laute durch den Raum verteilt werden. Es ist eindeutig, dass es sich um das Geräusch einer Fliege handelt, trotzdem kann durch die Trennung von Laut und Objekt die Geräusch-Installation meditative Wirkung hervorrufen, weil das Objekt, welches die Laute produzierte, sich nicht im Raum befindet und somit die Abstraktion von Objekt und Geräusch das Einlassen und Eintauchen in die Geräuschewelt als entspannend zulassen könnte.
100 Ideen

Am 12-07-12 habe ich den Workshop "100 Ideas on 100 Thoughts " in Köln an der artes-Forschungsschule besucht.
In kleinem Kreis wurden in 15-minütigen Statements einzelne Notizbücher vorgestellt und persönliche Interessen und Forschungsschwerpunkte deutlich gemacht.
dOCUMENTA (13) / 001
dOCUMENTA (13)
Tomaten, Hunde, Geistesverfassung, Skeptizismus, Negation des Anthropozentrismus, Trauma, Zwischen, Weltentwürfe, Kollektive Erinnerung, Archiv, Archäologie, Wahrheit, Ruine...
"Der Tanz war sehr frenetisch, rege, rasselnd, klingend, rollend, verdreht und dauerte eine lange Zeit."
Es ist interessant, wie sich zwischen einzelnen Orten und auch innerhalb nur eines Gebäudes Verbindungsmöglichkeiten und Beziehungen zwischen einzelnen Werken ergeben, die zu einem Themenschwerpunkt in Relation gesetzt werden können...
Privat und Öffentlich

IDA APPLEBROOG / EMILY JACIR
Wieviel Öffentlichkeit kann Privatheit ertragen? Kann eine Kopie einer subjetiven Notiz, die in einem öffentlichen Raum präsentiert wird, eine neue subjektive Identität erlangen? Was ist Identität, die nicht preisgegeben wird?
Schrift wird zur Zeichnung, Texte zu Fragmenten, Bücher zu Fotos, Botschaften zu Unlesbarem, Sprachen zu kulturellen Barrieren oder Heiligtümern, Besitz und etwas Heimatlosem...

HUGENOTTENHAUS
Kann Privatheit einschüchtern, erdrücken, verunsicher? Besucher werden Gäste, die Nudeln sind noch warm, der Kühlschrank ist gefüllt, die Tapete bröckelt ab, das Zimmer mit Bett und Laptop ist abgesperrt, doch die Person, sich sich mir von hinten nähert, stigt über die Absperrung, holt sich einen Pullover und ruft dem Kind auf der Treppe etwas zu, Videos werden auf zerfetzte Wände projiziert, Fotos werden gemacht - Wo bin ich hier?
Sinnlich
Einverleibung / Körper werden verschluckt, umspielt, verweht / Rückbesinnung auf den Leib / Orientierungslosigkeit / Leere / Angst / Verwunderung / Hören / Fühlen / Aushalten
Ryan Gander & Tino Seghal

Sichtbar und Unsichtbar

THOMAS BAYRLE
Aus der Ferne: ein großes Flugzeug
Aus der Nähe: Ein kleines Flugzeug
Versuch einer Unendlichkeit mit Endlichkeit und viel Bewegung: Ein aus sich selbst in der Vielheit eine Einheit ergebendes Objekt.

HAEGUE YANG
Formationen von Jalousien. Spiel von Form und Fläche und Entzug der künstlerischen Arbeit durch den Um-Raum, die Umgebung.
Denkraum
Was können wir wissen? All unsere Systeme sich selbst konstruiert, von uns erdacht.

Wer steht im Zentrum? Kann es eine Mitte geben? Was kennzeichnet die Peripherie? THE MIDDLE OF THE MIDDLE OF THE MIDDLE OF - vielleicht ein Zwischenraum?

Was können wir von Hunden, Bienen, Schmetterlingen lernen?

Bitte besuchen:
100 Tage d(13) aus Sicht des Wordly Companion Tim Pickartz: 100tage100ansichten.blogspot.de
100 Kunstwerke - 100 Tage bei kunstundgut.wordpress.com
Issue #5 ZER//STOERUNG
issue #5 ist da >> issue-magazin.blogspot.de
ZER//SToeRUNG DER MIT/TElsE/ITE
1000 x
SCH//NEidEN, Fa//LTEN, REIszE/N, KLEB/EN...








